Es schnauft und faucht: Pfingstdampftage im DDM

Autorin: Sandra Scholz (https://meinfrankenblues.de/pfingstdampftage-im-ddm/)

Ein Erlebnis für alle Sinne

Wahnsinn. Der Dampf hüllt mich ein, Kohlenrauch steigt mir in die Nase, ich spüre die Hitze der Lokomotive. Gebannt stehe ich am Bahnsteig als der Sonderzug aus Meiningen eintrifft. Schon von weitem haben mir die Dampfpfeifen das Ankommen des Zuges signalisiert. Ein schwarzer Gigant fährt in den Bahnhof Neuenmarkt ein. Es dampft und raucht in den Himmel hinein. Es sind die Pfingstdampftage. Endlich! Vis-a-vis liegt das Deutsche Dampflokomotiv Museum (DDM). Das ist das Ziel der Dampflokomotive der Baureihe 50.

Mekka der Dampflokfans im DDM in Neuenmarkt

Jedes Jahr zu den Pfingstdampftagen wird das Eisenbahnerdorf Neuenmarkt zum Ziel von Besuchern nah und fern. Eingefleischte Eisenbahn-Fans harren stundenlang an den Gleisstrecken aus, um ein Foto der zu Besuch kommenden Sonderzüge zu erhalten. Diese bringen weitere Eisenbahnfreunde ins DDM – ein ehemaliges Bahnbetriebswerk auf ca. 100 000 qm mit 15-ständigem Ringlokschuppen und funktionsfähiger Segmentdrehscheibe. Auf dieser wird die Dampflokomotiv 50 380 auch gedreht, sodass sie Heimreise am Abend antreten kann.

Spektakel im Kohlenhof

Im großen Kohlenhofgelände wird die Lokomotive restauriert. D.h. die Vorräte an Wasser und Kohle werden nachgefüllt. Ich beobachte fasziniert, wie hart, heiß und schmutzig die Arbeit damals war und heute noch ist. Und bin erstaunt, wie lange so eine Restauration der Lok dauert. Über 1 Stunde arbeiten mindestens 10 Mann. Schlacke ablassen, die Lok unter den Wasserkran rangieren, Wasser tanken, ab zum Kohlekran und die Kohle in den Tender wuchten.

Führungen und Vorträge für Spezialisten und Einsteiger

Mein Mann will unbedingt mit der Handhebeldraisine fahren bevor er sich der Technikführung für Spezialisten anschließt. Gut, ich werde in der Zwischenzeit mit beiden kleinen Dampfloks (ich kann nicht anders und habe sie im Kopf Emma und Molly getauft) ein paar Runden über das Kleinbahngelände drehen. Um 17 Uhr treffen wir uns zum Vortrag über die Dampflokomotive 18 612. Sie ist die einzige noch existierende Lok der Baureihe 18 6 und hat auf einer abenteuerlichen Reise den Weg ins Museum gefunden.

Pfingstdampftage – drei Tage Programm für Alt und Jung

Wer jetzt denkt, dass Eisenbahn nur was für Männer ist – weit gefehlt. Die Pfingstdampftage sind ein Familienziel. Kinderprogramm, Musik sowie Kerwa im Eisenbahnerdorf Neuenmarkt. Und, wie soll es in Franken anders sein, gutes Essen und Trinken. Immer wieder bleibe ich auf meinem Weg durch das Museum stehen und betrachte das staunende Funkeln in den Kinderaugen. Ich kann das so gut nachfühlen, denn mir geht es genauso. Diese Größe, diese Wuchtigkeit, diese Technik. Alles noch ohne IT. Bedient durch Hebel und Räder setzen sich diese tonnenschweren Ungetüme nur durch die Kraft des Dampfes in Bewegung. Und liebe Mädels, ich bin bei weitem nicht die einzige Frau gewesen, die sich der Führung hinter die Kulissen angeschlossen hat. Also von wegen Männerhobby.

Etwas für Nostalgiker

Ihr habt es sicher schon zwischen den Zeilen gelesen – ich bin eine Nostalgikerin. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Mord im Orientexpress“. Wenn die Dampfpfeife ertönt, der so typische Rhythmus tsch … tsch … tsch ertönt. Es ist so schön, so überwältigend. Und das alles habe ich jetzt live vor mir, stehe mittendrin im Dampflokgeschehen. Ich räuspere mich und als mein Mann das Wasser in meinen Augen sieht, schiebe ich es schnell auf den Rauch. Er schmunzelt nur. Es ergreift mich einfach jedes Mal wieder. Zu den Pfingstdampftagen gibt es so viel zu erleben und zu bestaunen.

Mit dem Sonderzug über die Schiefe Ebene

Ganz so edel wie im Orient Express reisen wir im Sonderzug nicht, der mich und viele andere die Schiefe Ebene unter heftigem Schnaufen hinaufzieht. Auf der 7 km langen Strecke zwischen den Bahnhöfen Neuenmarkt-Wirsberg und Marktschorgast muss die Lok einen Höhenunterschied von 157 m überwinden, sprich 2,5 %. Es geht über zwei 30 m hohe Steindämme hinweg. Fertiggestellt wurde diese Steilstrecke schon im Jahr 1848 nach nur vier Jahren Bauzeit. Tausende von Arbeitern, kaum Maschinen zur Unterstützung. Eine Meisterleistung, die zu über 90% heute noch so existiert wie im Jahr 1848. Zurück könnten wir auch den Lehrpfad der Schiefen Ebene nehmen und 7 km laufen, aber seid mir nicht böse. Der Zug ist bequemer und ich kann mich noch eine Zeit lang in Tagträumen der alten Zeit verfangen.