Dampfdrehkran (selbstfahrend)

Selbstfahrende Dampfdrehkräne, ausgerüstet mit normalen Zug- und Stoßvorrichtungen, standen auf den Gleisanlagen von Industriebetrieben und Häfen, z.T. auch in Bahnbetriebswerken (an den Bekohlungs- und Ausschlackanlagen).

Dampfdrehkran
Der Dampfdrehkran des Deutschen Dampflokomotiv Museums ist das einzig betriebsfähig erhaltene Exponat seiner Art in Deutschland.

Sie erfüllten zwei Aufgaben: (1) Sie dienten als normale Kräne zum Be- und Entladen von Güterzügen und (2) sie konnten gleichzeitig die zu be- und entladenden Wagen an die vorgesehene Ladestelle rangieren, so dass keine weiteren Rangierlokomotiven benötigt wurden. Der betriebsfähige museumseigene Dampfdrehkran war im Hafen Deggendorf bis 1973 im Einsatz. 

Technische Daten
HERSTELLERDEMAG AG, DUISBURG
FABRIK-NR.5363
BAUJAHR1927

Der Dampfkran des Deutschen Dampflokomotiv Museums

Einführung

Ein Dampfkran scheint auf den ersten Blick als Ausstattungsgegenstand eines Dampflokomotiv Museums nicht ganz zu passen. Sieht man ihn allerdings in größerem technikgeschichtlichem Kontext, so wird einem bald klar, dass deutliche Zusammenhänge bestehen: dampfbetriebene Arbeitsgeräte – gerade auch Dampfkräne und Dampfbagger, ob schienengebunden oder nicht – beherrschten in der Frühzeit des industriellen Aufbruchs Verkehrsanlagen und Baustellen in aller Welt, auch in Deutschland noch bis hinein in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dann allerdings verschwanden sie (viel Eisen zum Verschrotten war jeweils vorhanden) ganz schnell von der Bildfläche. Schon im Jahr 1976 – dem Beginn der story des Neuenmarkter Dampfkrans – bedurfte es großen Glücks, um überhaupt noch Vertreter dieser Spezies von Maschinen irgendwo zu finden. Der Autor war zu dieser Zeit Geschäftsführer des Museums, hatte die Idee zu dieser Ergänzung der Ausstellungsgegenstände und betrieb ehrenamtlich mit Helfern die Restaurierung des Dampfkrans in der Werkstatt in Thurnau von 1976 bis 1978.

Bild 1: Ausschnitt aus zeitgenössischer Ansichtskarte mit dem Dampfbagger am Einsatzort
Bild 1: Ausschnitt aus zeitgenössischer Ansichtskarte mit dem Dampfbagger am Einsatzort
Bild 2: Der Dampfkran 1976 im Donauhafen Deggendorf
Bild 2: Der Dampfkran 1976 im Donauhafen Deggendorf
Bild 3: Instandsetzungsarbeiten in Thurnau, 1977
Bild 3: Instandsetzungsarbeiten in Thurnau, 1977
Bild 4: Erste Fahrversuche, anfangs 1978
Bild 4: Erste Fahrversuche, anfangs 1978
Bild 5: Dampfkran mit Prüfgewicht 5,6 t bei TÜV-Abnahme, ca. Mai 1978
Bild 5: Dampfkran mit Prüfgewicht 5,6 t bei TÜV-Abnahme, ca. Mai 1978
Bild 6: Dampfkran im Deutschen Dampflokomotiv Museum vom 21.9.2013 (Foto: B. Arnal)
Bild 6: Dampfkran im Deutschen Dampflokomotiv Museum vom 21.9.2013 (Foto: B. Arnal)
Datenblatt DEMAG-Dampfkran
Bild 7: Auszug aus Kopie des „Verkäufer-Hilfsbuches“
Bild 8: Abbildung 194 aus dem ersten Internationalen Eisenbahn-Kunstalbum
Bild 8: Abbildung 194 aus dem ersten Internationalen Eisenbahn-Kunstalbum

Die Geschichte des Dampfkrans im Deutschen Dampflokomotiv Museums

Am Anfang stand Ende 1975 der Fund eines DEMAG-Dampfbaggers in einem Gebüsch am Main im Landkreis Bamberg; er war früher zum Kiesbaggern eingesetzt. (Bild 1: Ausschnitt aus zeitgenössischer Ansichtskarte mit dem Dampfbagger am Einsatzort). Dieser konnte mit maßgeblicher Unterstützung durch die Wirtschaft aus dem ganzen bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken geborgen und im Frühjahr 1976 nach Thurnau überführt werden; dort bestand bis Juni 1978 eine Werkstatt des Neuenmarkter Museums, die losgelöst von der Hauptstelle Neuenmarkt aufgebaut und betrieben worden war. Bei näherer Untersuchung des Fundes aus dem Gebüsch bei Breitengüßbach im Landkries Bamberg stellte sich jedoch heraus, dass eine komplette betriebsfähige Restaurierung des Oberwagens einen unvertretbaren Aufwand erfordert hätte. Nochmals kam in dieser fast aussichtslosen Situation der glückliche Zufall zu Hilfe: gerade rechtzeitig entdeckte ich im Staatshafen Deggendorf auf einem Ponton ein ganz ähnliches Gerät: einen DEMAG-Dampfkran, der auch als Bagger eingesetzt werden konnte (Bild 2: Der Dampfkran 1976 im Donauhafen Deggendorf). Es war erst kurz vorher außer Dienst gestellt worden und hatte einen Dampfkessel des Baujahrs 1958 – das entsprach in den Dimensionen des „Dampfmaschinen-Denkrahmens“ fast der Neuwertigkeit! Dieser Dampfkran (Baujahr 1927) war ursprünglich beim Kachlet-Stauwehr bei Passau eingesetzt; ein Schienen-Unterwagen war anfangs vorhanden, wurde aber später entbehrlich, da dann der Kran schwimmend auf einem Ponton eingesetzt wurde. In diesem Zustand wurde er nach erfolgreichen Verhandlungen mit der Wasser- und Schifffahrtsdirektion am Fundort demontiert und nach Thurnau überführt. Es waren dort einige Anpassungsarbeiten erforderlich, da der noch verwendbare Unterwagen aus dem Landkreis Bamberg zum „Modell I“ gehört, während der Oberwagen „Modell II“ mit einem gegenüber „Modell I“ 3 m längeren Ausleger versehen ist. Außerdem verlangte der TÜV einige zusätzliche neuzeitliche Sicherungseinrichtungen, die mit batteriebetriebenen Apparaturen erstellt werden konnten (Bild 3: Instandsetzungsarbeiten in Thurnau, 1977; Bild 4: erste Fahrversuche, anfangs 1978; Bild 5: Dampfkran mit Prüfgewicht 5,6 t bei TÜV-Abnahme, ca. Mai 1978). Am 10. Juni 1978 konnte der Kran nach erfolgreichem Zusammenbau und TÜV-Abnahme des Dampf- und Kranteils betriebsfähig (wenn auch nur für leichte Vorführlasten zugelassen) dem Deutschen Dampflokomotiv Museum übergeben werden. Dort wird er jetzt im Kohlenhofgelände immer wieder öffentlich vorgeführt. (Bild 6: vom 21.9.2013: B. Arnal)

Glücklicherweise hat sich eine Kopie des zeitgenössischen „Verkäufer-Hilfsbuchs“ für unseren Kran erhalten, der wichtige Details über die Leistungen zumindest des „Modell I“ entnommen werden können (das Modell II unterscheidet sich nur geringfügig in der Ausladung: 6 t bei 5,5 m Ausladung, 2 t bei 12m). Bemerkenswert ist gerade im Hinblick auf seine heutige Aufstellung im Deutschen Dampflokomotiv Museums die Fähigkeit des Krans, als Verschiebelok mit Fahrgeschwindigkeit 110m/min (leer) und 55 m/min bei Volllast (9 –10 leere Wagen) zu dienen. Der Baggergreifer kann (bei Tragkraft 3 t) 1,5 m3 Kohle aufnehmen. Das Betriebsgewicht des Geräts beträgt als Kran ca. 28 t, als Bagger ca. 29 t (Bild 7: Auszug aus Kopie des „Verkäufer-Hilfsbuches“). Zum Antrieb dient eine liegende, umsteuerbare Zwillingsdampfmaschine von 25-30 PS mit Flachschieber- und Kulissensteuerung (Joy-Steuerung). Der Dampfkessel ist ein stehender Quersiederkessel von 7 qm Heizfläche und 0,55 qm Rostfläche für 8 bar Heizdruck. Die Kesselspeisung erfolgt über 2 Injektoren, außerdem ist ein dritter Injektor vorhanden, mit dem bei Bedarf Wasser von außen in den Reservetank gesaugt werden kann.

Technikhistorische Bewertung aus heutiger Sicht

Erst 2011 ist in unverändertem Nachdruck das Buch von Dr. Walter Strauss „Von eisernen Pferden und Pfaden – Lebensbilder aus dem Reich der Lokomotive“ herausgekommen, dessen Original 1925 erschienen ist. Dieses ausgezeichnete enzyklopädische Werk gibt einen staunenswerten Überblick über weite Bereiche der damaligen Verkehrstechnik. In dem (vom Verfasser selbst so bezeichneten) „ersten Internationalen Eisenbahn- Kunstalbum“ ist als Bild 194 auch ein mit dem Neuenmarkter Dampfbagger identisches Fahrzeug abgebildet (Bild 8: Abbildung 194 im genannten Buch); im Text auf S. 35 wird das Fahrzeug in poetischer Sprache als „Aschenbrödel“ bezeichnet, das „hinter den hohen Mauern der Fabrikhöfe und Lagerplätze seine stille Arbeit verrichtet“. Dies zeigt uns heute: im Verkehr vor bald 100 Jahren waren solche Geräte unverzichtbar! Sie hatten ein breites Einsatzfeld.- In dem 2005 erschienenen Buch „DEMAG-Bagger aus Düsseldorf“ von Dirk Bömer wird als Beginn des Bagger-Baus bei der DEMAG das Jahr 1925 angegeben. Wir können somit davon ausgehen, dass der im Deutschen Dampflokomotiv Museum vorhandene Dampfbagger (und –kran) den ältesten einschlägigen Produkten dieser Firma zuzurechnen ist. Nicht nur das: über das Internet besteht heutzutage die Möglichkeit, sehr genau international zu recherchieren, wo überhaupt dampfbetriebene Kräne und Bagger restauriert wie unrestauriert, betriebsfähig oder nicht betriebsfähig, vorhanden sind. Da wird offenkundig, dass in Deutschland in betriebsfähigem Zustand so gut wie nichts mehr vorhanden ist. Das bedeutet für Neuenmarkt ein „Alleinstellungsmerkmal“ – nicht zu unterschätzen in der Museumslandschaft! Er muss somit zu den besonderen technikhistorischen Raritäten in den deutschen Technik-Museen gezählt werden, durch die auch künftigen Generationen am Original gezeigt werden kann, mit welchen Arbeitsmaschinen über viele Jahrzehnte hinweg der Wirtschaftsstandort Deutschland gewachsen ist. Es ist zu hoffen, dass es dem Museum auch noch gelingen wird, den Dampfkran nach Bereitstellung eines gebremsten Kranschutzwagens als Kleinlokomotive für den Verschiebedienst vorführen zu können. Gerade die Eisenbahn-Enthusiasten werden das besonders zu schätzen wissen.

Die Firma Marks Kleinkunst in Draisendorf bei Hof i. Bayern (bestand bis 2006) hat die Seltenheit dieses Geräts schon vor Jahren erkannt und baute mit Erfolg den Dampfkran in Spur N nach. Ihre Homepage ist auch insoweit sehenswert, weil dort im Modell Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt werden, die sich auch mit dem Original verwirklichen ließen.

Der Neuenmarkter Dampfkran kann (noch an seinem alten Standort) in Betrieb betrachtet werden. Auch ein Schwestermodell ist im Internet arbeitend zu sehen, allerdings weit entfernt von Oberfranken, in Süd-Holland. Hier ist der DEMAG-Kran bei der Arbeit in einer historischen Schiffswerft zu beobachten.

Auch die Szene der Eisenbahnenthusiasten im engeren Sinn scheint allmählich mehr Geschmack am Fluidum derartigen Zubehörs in Bahnbetriebswerken zu finden: im „Eisenbahnkurier“ vom September 2005 ist innerhalb eines Berichts über das Ende der Dampflokzeit in China ein großes Bild mit einem arbeitenden Dampfkran in einem Bahnbetriebswerk zu sehen (Seite 85).

(Bernd Arnal)